Hans Schüttler

Allophonics

Heinz Erich Gödecke: Posaune, Gongs, Didgeridoo
Hans Schüttler: Klavier, analoge Klangbausteine, Plattenspieler, Toys

 

Das Bühnen - und Proben - Setup von Allophonics:

Allophonics

Einmal, nach dem Anhören der Hamletmaschine oben in meinem Zimmer geh ich hinunter in die Altonaer Scala. Publikum strömt aus der Tür. Ich staune über die Gesichter. Sie müssen alle etwas erlebt haben. Wie Pinzetten so feinsinnig packen ihre Wimpern zu.
"Was war hier los?" frage ich die Herumstehenden. Zwei Musiker packen gerade ihre Instrumente ein. Den Flügel ließ der Pianist zwar stehn, verstaute aber seine Kindertröten.
"Wer seid ihr?" In Hausschuhen kaufe ich mir alle ihre CDs. Später schicke ich ihnen meine Texte. Noch später treten wir gemeinsam auf. (Heute spielen wir immer noch zusammen.)


Frederike Frei, Schriftstellerin, ist leider zu spät gekommen.

Heinz Erich Gödecke und Hans Schüttler

Heinz Erich Gödecke und Hans Schüttler
2010

Schüttler, Gödecke

Hans Schüttler und Heinz Erich Gödecke 1986

Gödecke und Schüttler arbeiten schon seit 1986 zusammen. Zahlreiche gemeinsame Musikprojekte und Festivalauftritte im In- und Ausland sind das Ergebnis. Vor allem die Konzerttourneen durch Russland, Asien (Tuva), GUS Staaten und Litauen in den 90ger Jahren, die vom Goetheinstitut gefördert wurden, waren prägend.

Allophonics bedeutet Fremdklang. Ungewöhnliche Klänge entstehen durch besondere Kombinationen aus Musikinstrumenten, Elektronik, Spielsachen und Geräuschen.
Kompositionen entstehen aus Improvisationen, die strukturiert und fixiert werden in einer Verlaufspartitur.

Live - Stummfilmvertonungen und Filmkompositionen sind entstaden zu den Filmen  "Nosferatu", "Das Cabinett des Dr. Caligari "und "Metropolis". Aufführungsorte waren u.a. im Metropolis Kino Hamburg, Lichtmeßkino in Altona, Theater Wismar, Lübeck.

Unter dem Titel Sakral Modular geben Heinz Erich Gödecke und Hans Schüttler Konzerte mit zeitgenössischer Musik auf historischen Kirchenorgeln. Die CD Sakral Modular wurde 2003 auf der Huß Schnitger Orgel in der Wilhadikirche Stade aufgenommen.

Installation AllophonicsInstallation in W6


Stader Tageblatt vom 25.10.2000

Nosferatu: Blut und Fremdklang

Klassikkino lässt zum stummen Film Musik machen

Von Harald Gillen

Am Ende seines zweiten Jahres hat Klassik Kino im Schweden¬speicher noch eine Überraschung für seine Fangemeinde: Am Dienstag, 7. November, ab 20 Uhr zeigt sich nicht nur eines der ältesten Werke deutscher Filmkunst, der Stummfilm „Nos-feratu", sondern in Person von Hans Schüttler auch ein ganz aktueller Musikpreisträger, dessen Komposition für Handy und Orchester den Kritikerpreis des Hamburger Unilever-Wettbewerbs gewonnen hatte (siehe TAGEBLATT vom 18. Oktober)

Der Stader Schüttler ist die eine Hälfte des Duos Allophonics (zu deutsch: Fremdklang). Er bedient Klavier, „analoge Klangbausteine", worunter elektronische Mixturen zu verstehen sind, und Plattenspieler. Sein ihm seit zehn Jahren in gemeinsamen Musikprojekten und avantgardistischen internationalen Auftritten verbundener Mitstreiter ist der Hamburger Heinz Erich Gödecke, der Posaune, Gongs und Didgeridoo, ein Blasinstrument der australischen
Ureinwohner, spielt.

Wer die Originalität besitzt, das Mobiltelefon einer Bestimmung zuzuführen, die besser ist, als in Zugabteilen oder Restaurants zu nerven, darf sich der Sympathien sicher sein. Zusammen mit Gödecke wird Schüttler nun Tonspuren und Geräuschkulissen rund um einen Vampir legen, dabei das stumme Unheimliche des Films mit bislang ungehörtem Klang vertiefend.

Der Film entstand 1922. Sein Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau (der eigentlich Plumpe hieß, sich aber nach der bayerischen Künstlerkolonie nannte) ging mit diesem Werk in die Filmgeschichte ein. Diesen Erfolg wiederholte er zwei Jahre später mit „Der letzte Mann" mit Emil Jannings. Nach seinem „Faust"-Film ging Murnau nach Hollywood, wo er für „Sunrise" einen Oscar bekam. Eine Woche vor der Premiere seiner Südsee-Romanze „Tabu" starb er erst 42-jährig bei einem Autounfall in Florida.

Bram Stoker hatte 1897 mit seinem Roman „Dracula" den Vampir-Mythos begründet. Der Film übernimmt Motive der haarsträubenden Geschichte, die einen wahren Kern hat. Den blutsaugerischen transsylvanischen Grafen hat es wirklich gegeben. Murnau ließ an Originalschauplätzen in den Karpaten drehen und schuf mit düsteren Licht- und Schattenspielen, mit Überblendungen und optischen Verzerrungen Bilder unnennbaren Grauens, die sich bis nach Lübeck fortsetzen, wo die Salzspeicher zu Totenhäusern werden.
Hier überfallt der Graf, der der Vampir Nosferatu ist, die Frau jenes Mannes, der ihn auf seiner Burg besucht hatte. Ein Ende mit Schrecken oder gibt es Erlösung?

 

NosferatuNosferatu oder Hans Schuettler am Klavier?

SAKRAL MODULAR

Analoge Klangbausteine und alte Musikinstrunente erzeugen Erinnerungsmodule. Instrumente, deren natürliche Klangerzeugung auf alten Erfahrungen beruhen, werden besondere elektronische Klänge gegenübergestellt.

Zwei Medien treffen aufeinander:
alte Elementar-Instrumente, deren Töne durch Luftschwingung in Rohren erzeugt werden, erinnern an Archaik und alte Choräle; Elektronik, deren vielfältig variable Schaltkreise Lautsprecher Membranen in Bewegung versetzen, zeugen von Alltagswelten und Erinnerungen.

Analoge elektronische Klangbausteine sowie Plattenspieler sondern so Erinnerungsmodule ab, bilden verfremdet mit den lebenden Klängen des Organisten ein Verhältnis und erzeugen neue eigene Wahrnehmungsfelder.

Kirchenorgel und Elektronik haben strukturelle Ähnlichkeiten, da die Kirchenorgel das älteste Modulsystem der Menschheitsgeschichte darstellt. Andererseits kommen beide aus verschiedenen Vorstellungswelten.

Die Kirchenorgel nähert sich den elektronischen Klängen durch bestimmte Registereinstellungen an.
Melodien erklingen zu Rauschgeneratoren und Orgelclustern. Knisternde Schallplatten reiben sich mit lokrischen Chorälen.

Das Zusammentreffen unterschiedlicher Medien erzeugt einen Moment der Wahrheit und Erkenntnis

(Marshall Mc Luhan)

Allophonics historisch:

Anfang der 90iger Jahre unternahmen Hans Schüttler und Heinz Erich Gödecke mehrere Arbeitsaufenthalte und Tourneen durch die Russische Foederation. Die Zeitungsartikel aus den Russischen Zeitungen sagen viel über die damalige Euphorie, Aufbruchstimmung und Begeisterung aus:

In VolgogradHans Schüttler 1991 in Volgograd

Smolensker Zeitung:


… am 22. Und 23.2.1992 haben Hans Schüttler und Heinz Erich Gödecke aus Hamburg in Smolensk gemeinsam mit russischen und ukrainischen Musikern ein Konzert im Schauspielhaus gegeben. Am 22. Februar war der Saal sehr voll. Die Gesichter zeigten viel Emotionen: von kindlichem Entzücken bis zum Staunen. Die meisten Menschen haben so etwas noch nie gehört. Der zweite Abschnitt des Konzerts steigerte die Erwartung der Zuhörer noch, weil die deutschen Musiker ihr Publikum in eine tolle Stimmung versetzt hatten.  …

Die Bühne war bestückt mit exotischen und seltsamen Dingen, die bei Anwendung unerwartete Klänge hervorbrachten. In Hans Schüttlers Händen spielen selbst die Zeitungen beim Zerreißen und Zerknittern eine große Rolle in seiner Musik. Im Saal wechselte absolute Ruhe mit aufbrausendem Beifall. Hans Schüttler spielt nicht nur auf dem Flügel, sondern auch mit Kinderspielzeug, Geschirr, Gläser, Flaschen und Gott weiß noch alles.

Und das alles verwandelte Hans Schüttler in einen mutwilligen Jungen, eingetaucht in die Welt der Kinderträume.
Seine musikalischen Schöpfungen bringen den Menschen große Freude. Sie klatschen begeistert und schreien „Bravo“.

Die Veranstalter hatten erst  Zweifel, ob die Musik ankommen würde, aber der Beifall hat sie beruhigt. Sie hatten geglaubt, die Menschen würden die neue Musik nicht verstehen.
Die beiden Musiker haben die Tournee in Smolensk beendet. Vorher waren sie auch in Moskau, Petersburg, Wolgograd und Jekatharinenburg begeistert aufgenommen worden.

Als letztes Konzert in Smolensk haben Hans Schüttler und Heinz Erich Gödecke mit einer russischen Gruppe im Drama – Theater gespielt. Der Saal war übervoll und sie mussten viele Fragen beantworten.
Sie spielten mit einer russischen Gruppe zusammen. Das hatte den Effekt einer Big Band, in der jeder Musiker seine große Qualität bewies. Es war eine ausgezeichnete gemeinsame Darbietung. Die Menschen in Smolensk wünschen sich öfter eine solche kollektive Zusammenarbeit.

Gödecke,Schüttler,Tarasov

 

Hans Schüttler, Vladimir Tarasov und Heinz Erich Gödecke 1992 in St Petersburg bei einer Besprechung vor dem Konzert.

Uralische Arbeiterzeitung vom 15.2.1992:


Von einem Musiker bekam ich eine Visitenkarte auf der stand: Hans Schüttler, Neue Musik. Vor dem Konzert hat sie nur gewusst, dass er ein Konservatorium besucht hat, dass er ein professioneller Musiker ist und jetzt an einer Universität Musik lehrt. 

Der andere Musiker des Duetts „Allophonics“ (ungewohnte seltsame Klänge) H. E. Gödecke arbeitet als Ingenieur, spielt aber sehr gut auf seiner Posaune und noch vielen anderen Instrumenten.
Hans Schüttler, bekleidet mit Hemd und Jeans (nicht mit altmodischen Frack und Krawatte) steht am Flügel mit der Geige in der Hand. Die Geige hat nicht gesungen, sondern gezittert. Das waren ungewöhnliche Klänge und die Posaune hat mit ebenso ungewöhnlichen Klängen geantwortet. Als Hans Schüttler zum Flügel überwechselte, verursachte er die Klänge nicht nur mit den Händen, sondern mit einem Stöckchen, das über die Saiten ging.

Die Musik und die Musiker steigerten sich in Lautstärke und Tempo bis zur Ekstase. Dann wird es leise, und der Bogen geht sanft über eine rote Plastikkugel. Gödecke schaltet den Transistor Kofferempfänger ein, der weitere Geräusche erzeugt. Hans Schüttler wirft Papier auf die Tasten und zerknautscht und zerreißt es. Danach erleidet ein Pappkarton dasselbe Schicksal. Dann hat er auf die Saiten des Flügels Teller gestellt. Virtuos klingt die Posaune. Gödecke (ein wunderbarer Musiker) macht ein Solo mit seinem Didgeridoo.
Je weiter wir diese ungewöhnliche Musik hören, desto mehr verstehen wir, dass sie von besonderer Qualität ist. Die Kompositionen haben ihre Logik und ihre Entwicklung. Man versteht es, die Kontraste auszunutzen und versucht, die verschiedensten Dinge zum Klingen zu bringen. Selbst die Stühle und Sessel bewegen sich mit und der Deckel des Flügels vibriert. Alles klingt mit.

Ein besonderer Moment:
Hans Schüttlers Hände bewegen sich wie zitternd. Er versucht das auf dem Boden verstreute Geschirr zusammenzuraffen. Das verursacht harte und trockene Klänge.  Die Posaune spricht dazu. Die Töne ersterben langsam, nochmal ein rhythmischer Ausbruch. Schüttler schlägt rhythmisch mit den Stöckchen auf den Boden. Er rafft das Geschirr an sich (ein Teil zerbricht), zittert mit dem Deckel des Flügels. Gödecke schlägt den Gong. Die Geräusche sind so gewaltig, dass man glaubt, die Wände vibrieren mit.
Hans Schüttler hat mit zwei Flügeln gespielt. Einen mit seinem Hintern und den anderen mit seinen Händen. Von der starken Vibration sind die leeren Bierflaschen, mit denen die Musiker die Zuhörer bewirtet hatten, vom Flügel gefallen.

Hans Schüttler wird gefragt, was er bei der Musik empfindet. Er sagt: „so empfinde ich das Leben“. Die Journalistin ist damit einverstanden, dass diese Musik ein Abbild des Lebens auf der Schwelle des 21. Jahrhunderts ist.

 

Hans Schüttler Klavier Solo 1991 in Volgograd


 

JAZZTHETIK   2/92 / Autorin: CMW

Volgograd im September

Zum Höhepunkt des gesamten Festivals wird dann jedoch Hans Schüttlers Solo. Zur Überraschung aller schüttelt er seinen akademischen Habitus ab, (mit akademisch wird im Wortschatz unserer russischen Freunde zum Beispiel eine Persönlichkeit wie Woody Allen bezeichnet) und wächst über sich hinaus bzw. unter den Flügel. Putzt er zuerst nur die Tasten, geht er dann in die Vollen: Das Inventar unserer Hotelzimmer hat er in die Halle geschmuggelt; Glasplatten, Joghurtflaschen (die klingen so stabil!), den Treteimer aus dem Bad, gefüllt mit geleerten Vodka-Flaschen, dies vereint er zur Intourist-Hotel-Suite. An Lenin kommt er nicht heran, ihn möchte er zwar auch ein bißchen bearbeiten, aber da ist der rote Vorhang vor; für einen Auftritt auf dem Rednerpult fehlt dann die Zeit. Mit frenetischem Beifall wird er zwei Mal zurückgeholt, die Zugabe gibt er mit dem Fahrradklingel-Harmonium aus Saratov; dies befremdet etwas, da es zum Inventar der offiziösen Folklore gehört, aber seine Spielweise überbrückt die Spannung.