Solo

Ölgemälde von Dieter Renk

Open Air in Süd Korea
Konzertbeschreibung
Die Redakteurin Christina Hein (ZDF, RTL) beschreibt im Folgenden ihre Eindrücke von einem Konzert im Gieshaus Kassel anlässlich der "documenta 9" 1997 in Kassel:
Ein kleiner, harmloser Zettel weist den Weg zum Konzert. Drauf steht in schräger Handschrift PIANO PERFORMANCE geschrieben. Dann der rundgebaute Konzertsaal mit seiner weißen Kuppel. Einer Arena gleich. Alles still. Nur der Mann am Eingang kassiert scheppernd Eintritt. Kein Wort. Irgendwas liegt in der Luft...

Elektrizität. Fast jeder wittert es wie drohende Gefahr. Wie eine schwere Gewitterwolke, die sich in träger Schwüle entladen will.
Die Konzertbesucher, die schon Platz genommen haben, sind damit beschäftigt (jeder für sich) die disparaten Gegenstände zu definieren, die um den edlen Flügel herum platziert sind.: Plastikgeschirr, ein Schifferklavier, Flaschen, Schallplatten, und manches mehr. ( Der Geist von George Maciunas steht plötzlich im Raum "place a dog or cat or both inside the piano and play chopin".)
Der strohblonde Mann vom Einlass stapft vors Publikum, akustisch umrahmt vom Münzgeld, das in der Kasse unter seinem Arm laut klimpert. "Gleich geht's los", sagt er, die Augen erstaunt aufgerissen, als harre er selbst der Dinge, die da kommen.
Er verschwindet hinter die Bühne, wo er einige Konzentrationsübungen praktiziert und sich dann in den Musiker Hans Schüttler verwandelt (der außerdem Klavierdozent an der Gesamthochschule Kassel ist und Kurse für zeitgenössische Musik in Hamburg, Rostock und Halle erteilt).

Ein erfrischender Platzregen, ein Orkan, Donner und Blitz brechen jetzt über das Publikum herein.
Klassische Musik, virtuos auf dem Klavier vorgetragen (Schüttler hat bei dem russischen Konzertpianisten Nikolei Posnjakow klassisches Klavier und in Hamburg bei Prof. Dieter Glawischnig Jazztheorie studiert. Seine Abschlussarbeit verfasste er über die Sinfonie 21 von Anton Webern).
Zarte Takte von Haydn, Chopin, Liszt klingen, jäh unterbrochen von wild ausufernden Stakkato Improvisationen. Dann ein Sprung in der Platte. Ein Sprung in der Platte? Es knackt auf jedenfall.
Immer wieder die gleiche Musikstelle, bis die Nadel endlich über die Hürde hinweggeschrabbt ist. (Variation: Es kann aber genauso passieren, dass ein Wecker klingelt.)

Hans Schuettler in den Seoul Filmstudios
Open Air
Wahrnehmung, sagt Hans Schüttler in Anlehnung an die Philosophie des kanadischen Medienwissenschaftlers Herbert Marshall McLuhan, ist vom Zusammenhang unabhängig. Sie stellt eine poetische Welt für sich dar." Schon nach kurzer Zeit hat sich Schüttler, der in der Musik wühlt, um dann opulent um sich zu werfen, in Ekstase gespielt. Es trieft der Schweiß. (Aha, dafür also das Handtuch neben dem Klavierschemel.)
Wie nach einer künstlichen Beatmung hat der Musiker (Jahrgang 1962, einer seiner geistigen Väter ist John Cage) dem Piano Leben eingehaucht. Es vibriert...

Konzert für defekte Bontempi Orgel und Staubsauger,
Elektronische Präparationen schließen sich nahtlos an Tschaikowsky Oktaven an. Präparationen, das können auch mit Gläser manipulierte Klaviersaiten sein. (Die Gläser können aber genauso gut an die Wand knallen und dort zerscheppern.) Oder Papiergeraschel. Der Resonanzboden des Instruments wird leise und sensibel mit den Händen bearbeitet. (Inzwischen hat Schüttler eine Position unter dem Flügel eingenommen und trommelt mit den Fäusten auf den Pedalen.) Ein Intermezzo auf dem Schifferklavier. Dann wieder einer der unzähligen Brüche, die auch innerhalb der Stücke die Musik prägen. Diesmal wird gegen einen elektronischen Sampler angespielt.
Wie Flügel heben und senken sich die Schultern des Pianisten. (in Kinos, Museen und Kirchen von Hamburg, Lübeck und Wismar hat Schüttler Murnaus Stummfilmklassiker "Nosferatu" vertont). Ein Duett mit einem Schallplattenspieler (hier einmal unmittelbares Musikinstrument und nicht Mittel zum Zweck), die Platte vorher mit Schmirgelpapier bearbeitet.
Die Assoziationen, die Erinnerungen und Deja vus rasen durch die Köpfe des Publikums. Eine endlose Kette. Ein Sog von großer Geschwindigkeit. Viel musikalisches Material, ja Materialüberfluss, sparsam komprimiert und konstruiert. Um die Fülle zu bannen braucht es die Bruchstellen. "Wie im Leben, das ja auch voller Brüche steckt", sagt Hans Schüttler und verbeugt sich, abgekämpft und schweißtriefend wie ein siegreicher Zehnkämpfer. Es folgt Applaus, der nicht enden will.

beim Modulieren über die Schulter geschaut
Eine tiefgründige Musik Narretei
Hans Schüttlers Resonanzen
Das KlangArt Faltblatt ließ zunächst eine altbackene Piano Performance in Free Jazz Manier vermuten. Doch was Hans Schüttler zu mitternächtlicher Stunde seinen Zuschauern in der Lagerhalle präsentierte, entpuppte sich als höchst vergnügliches, 60minütiges Musikkabaret, das fast ganz ohne Worte, dafür aber mit um so skurrileren Requisiten den Musikbetrieb dies und jenseits E und U musikalischer Schranken aufs Korn nahm.
So mündet eine wilde, bemüht moderne Klavierimprovisation unversehens in einem "Puff Klick" Rhythmus aus Schüttlers betagtem Drum Computer, Klänge einer lausig vor sich hin plärrenden Bontempi Orgel mischen sich mit den eiernden Loops eines alten Schlager Vinyls. Live "gescratched" auf zwei antiquarischen Koffergeräten.
Doch auch Brahms geht es an den Kragen: Unbarmherzig rumpelt der alte Meister viel zu langsam und dann auch noch in ständig schwankendem Tempo über den Plattenteller, begleitet von eruptiven, Ausbruchen am Flügel.
Begriffe wie "DJ" oder "Remix" erhalten an diesem Abend eine nahezu groteske Bedeutung.
Doch nicht nur derart Zeitgeistiges, auch "Alltagsgegenstände" sind kaum vor Schüttlers tiefgründiger Narretei sicher. Ein Spielzeugstaubsauger wird da ebenso zum liebevoll mit Mikrophon verstärkten und auf silbernem Tablett, das ist wörtlich zu verstehen!, servierten Kultgegenstand...
Von Kai Schwirzke

Hans Schüttler ist ein kauziger Komödiant, ein moderner Musik Clown, dessen wunderbar unorthodoxe Mischung zwischen Comedy, Chaos und Anspruch deshalb so intelligent amüsiert, weil sie längst akzeptierte Absurditäten in unserem Musikverständnis aufdeckt, weil sie Querverbindungen zeigt und freilegt, die im oft schablonierten Kulturbetrieb sonst niemandem auffallen würden.

Gestörte Töne von irgendwo
Zuhörer erlebten spannendes Konzert im Turbinenhaus
Von unserer Mitarbeiterin Heide Rethschulte
Delmenhorst. Wunderschöner gregorianischer Gesang klingt von irgendwoher aus dem hohen Raum. Draußen scheint irgend jemand an irgendetwas zu klopfen. Das Klopfen hört nicht auf, im Gegenteil, es kommt näher. Auf einmal wird klar:
Der vermeintliche Gesangsstörer ist im Raum. Er wird immer lauter und schließlich auch sichtbar. Der Zuschauer ist "inside". So lautet der Titel des interaktiven Licht-Klang-Raum-Theaters, das Hans und Gaby Schüttler aus Stade und Reinhard Lippert aus Schwerin am Sonnabend im Turbinenhaus des Fabrikmuseums im Rahmen von "Kultur rund um die Uhr’ zeigten.
Jeder Raum stelle eine neue Herausforderung dar, erklärte Hans Schüttler, der für "Inside" ein Arbeitsstipendium des Landes Niedersachsen bekommen hat. Das Turbinenhaus hat er sich vor dem Konzert zweimal angesehen und war so auf die Herausforderung vorbereitet.
Er und seine beiden Mitstreiter halten sich zwar an ein Konzept. Das bietet ihnen aber einen großen Interpretationsrahmen.
Wie ein roter Faden zieht sich der gregorianische Gesang durch das Programm...

in Ruhestellung
Doch schon im Mittelalter waren die Künste nicht voneinander getrennt und der Raum Bestandteil der Aufführungen. Auch in "Inside" werden die Grenzen aufgehoben.
Ein ungeheurer Spannungsbogen zog sich vom ersten gregorianischen Gesang bis zur absoluten Schluss-Stille, ehe der Applaus des Auditoriums begann. Die Augen und vor allem die Ohren wurden während der gesamten Aufführung mit immer neuen Überraschungen auf Spannung gehalten.
Da wurde gezeigt, welche Klangmöglichkeiten das Turbinenhaus abgesehen von der bestechenden Akustik mit seinen Kesseln, Ketten, Ventilrädern, Rohren und Werkzeugen zu bieten hat.
Da agierten die drei Musiker scheinbar jeder für sich und waren doch aufs Genaueste aufeinander abgestimmt. Da waren die Bewegungen so sparsam, dass sich alles auf die Klänge konzentrierte.
Am Ende stand das Staunen darüber, was klanglich aus dem Turbinenhaus herauszuholen ist.
Modulekstasen II
