Hans Schüttler

Presseartikel

Tonkunst mit dem Telefon

Hans Schüttlers Komposition für Orchester und Handy gewann Kritiker - Preis

Wer Hans Schüttlers Keller gesehen hat, kann sich vor¬stellen, wie seine Musik klingt. Auf dem Regal eine halb defekte Elektro-Orgel, nur drei Tasten funktio¬nieren. Lautsprecher stehen herum und Dutzende Plattenspieler. Jeder davon ist kaputt, aber jeder rauscht, knirscht oder kratzt auf eine andere Weise. Dann das Kin-derspielzeug: quietschbunte Key¬boards, ein Saxophon aus Plastik.

Schüttler findet ein handgroßes Rap-Mikrofon. Aus der Box quäkt ein immer gleicher Rhythmus. Schüttler schnalzt im Takt mit und lacht. Eben noch hat er über Bela Bartok und die Unspielbarkeit se¬rieller Musik philosophiert.
Hans Schüttler, Komponist, Pianist, Frank-Zappa-Fan, Schalk, Grübler und seit 1993 Stader, komponiert gerne für Instrumente, die keine sind. Bei Performances des Ensembles „Inside", für das er ein Landesstipendium erhielt, zerreißt er Papier und Kartons. Auf seiner Solo-CD „Miniaturen" lässt er Luftballons und Eierschalen erklingen.

Für sein Werk „Getuschelt" hat Schüttler einen anderen Ton-Träger entdeckt: das Handy. Eine fast überfällige Idee - und die Rache des Komponisten am Mobikelefon, das seine Konzerte unterbricht. Die Kritiker des Unilever-Wettbewerbs in Hamburg würdigten das Werk und das Jugendorchester „Con moto" nun mit ihrem Jury-Preis.

Wie in seinen meisten Stücken vermischt Schüttlers „Getuschelt" Komik, Provokation und ernstes
Nachdenken darüber, warum der eine Ton als Wohlklang gilt, der andere als Krach. Das Handy ist zugleich Störenfried und Instrument. In einem Satz spielt es ein Solo, dann wird es von gezupften Geigen und präparierten Pauken begleitet. Die Streicher spielen die Klingelmelodie nach. Am Schluss aber beendet das Handy die Aufführung: Es bimmelt, wird von den Musikern weitergereicht. Jeder, der es in der Hand hielt, verstummt.

 

Eingelegte Steckverbindungen, Installation Buxtehude Museum

 

„Spannend" ist ein Lieblingswort Schüttlers. Was er spannend findet, kann er oft nicht logisch erklären. Er liebt das Ungeplante, bewundert John Cages Zufallsmu-sik. Auch in „Getuschelt" gibt es Passagen, die jedes Mal anders klingen. Da gibt der Dirigent Fingerzeichen, und das Publikum beginnt zu husten - oder zu tuscheln.
Die dissonanzenreiche Spielwei¬se war ungewohnt für die „Con moto"-Musiker, die am Hamburger Friedrich Ebert-Gymnasium und der Techni¬schen Uni Harburg lernen. Vor der Aufführung zeigte Schüttler ihnen, wie sie Streichinstrumente zupfen oder Klarinetten so spielen, dass unsaubere Obertöne entstehen.

Kein Wunder, dass Schüttler seine Musik nicht schreibt wie Beethoven am Pult: „Wenn ich vor einem leerem Blatt sitze, fällt mir  nichts ein.  Lieber hört er sich Ideen von Baustellen und Baumaschinen ab. Manchmal notiert er in der S-Bahn Einfälle auf Zetteln. Daheim fügt er sie zu Partituren zusammen, die zur Hälfte aus Noten bestehen, zur Hälfte aus Comic-Figuren. Übrigens komponiert Schüttler meist nachts. Dann stört ihn das klingelnde Telefon nicht.

Matthias Streitz im Stader Tageblatt vom 18.10.2010

 

Setup I

 

 

Der neue NDR-Radio-Tatort: Ein Taucher wird vermisst


Von Karolin Jacquemain 26. August 2008, 00:00 Uhr , Hamburger Abendblatt
Schweres Atmen, tiefes Gluckern. Ein Gefühl der Beklemmung macht sich breit. Jemand stöhnt, röchelt. Es klingt, als ströme Wasser in die Lungen. Und...
Hamburg. Schweres Atmen, tiefes Gluckern. Ein Gefühl der Beklemmung macht sich breit. Jemand stöhnt, röchelt. Es klingt, als ströme Wasser in die Lungen. Und Sekunden später: als sinke jemand tief, immer tiefer hinunter auf den Meeresgrund. "Tod eines Tauchers" heißt der NDR-Radio-Tatort, in dem zum zweiten Mal Kriminalhauptkommissarin Bettina Breuer (Sandra Borgmann) und der V-Mann Jac Garthmann (Martin Reinke) ermitteln. Der packende atmosphärische Anfang sowie die anderen Kompositionen stammen von dem Musiker und Performancekünstler Hans Schüttler aus Hamburg, der schon die Radio-Tatort-Premiere des Senders vertonte.

 

  setup II

 

»Schweinemäßig ist das!«


Der Takt rollender Eisenbahnräder. Eine Familie in einem Güterwaggon.
Sie lebt dort, im Dunklen, im Fahren! Wie lange schon? Die Großeltern erinnern sich noch an die andere, bunte Welt. Eltern und Kind kennen nur den Rhythmus von Eisen und Stahl. Einmal fällt durch einen Spalt die Sonne herein und die Alten verstopfen ihn sofort wieder, tief erschrocken über das, was sie draußen sehen konnten
Das ist das Höhlengleichnis im Zeitalter der Deportationen und Todeszüge. Und es ist der erste jener fünf Träume, mit denen 1951 Günter Eichs Ruhm als größter deutscher Hörspielautor begann.

Zu Eichs 100. Todestag hat der NDR die Träume von fünf jungen Regisseuren neu inszenieren lassen und nun zusammen mit der berühmten Urproduktion veröffentlicht. Sie begründete das literarische Hörspiel in der BRD.
Und sie wurde zum Skandal, denn Eichs Albtraumszenen hatten den Nerv der Zeit empfindlich getroffen: Da wird ein Kind von den Eltern zu kannibalistischen Zwecken verkauft. Da höhlen Termiten Häuser und Menschen aus, bis die leeren Hüllen zu Staub zerfallen. Eine Familie wird entrechtet. Zwei Afrikaforscher verlieren Erinnerung, Sprache, Identität. Die Aggressionen, die in Form von Höreranrufen 1951 gegen diesen »schweinemäßigen Mist« ausbrachen, sind ein Dokument. Sie belegen, wie tief die Schrecknisse saßen, die Eichs Traumarbeit aufgriff: die atomare Bedrohung, die Freund-Feind-Ideologie des kommenden Kalten Kriegs und vor allem die in Deutschland noch so verbreitete satanische Lehre, dass der Mensch kein Zweck an sich sei.

Das wollte man nicht hören, schon gar nicht »zum Abendbrot«, und gesagt wird es auch nie. Vernehmbar ist es aber doch: im Rollen des Zugs, im Nagen der Termiten, in Buschtrommeln und anderen Geräuschkulissen, in denen Eich die Phantome versteckt hat. Die Neuinszenierung lässt ihnen mehr Entfaltungsraum als die Urfassung.
Als die beiden Afrikaforscher ihre Namen vergessen, heißt es: »Ich werde dich Eins nennen, mich Zwei.« An solchen Stellen beginnen die Spiele Becketts.
Der Absurdität, die Eich hier gelingt, spürt erst die jüngere Inszenierung nach. Insgesamt sind die neuen Versionen erstaunlich unexperimentell, dafür umso textgenauer. Sie beeindrucken mit raffinierten Tonbildern und brillanten Schauspielern (Traugott Buhre, Udo Wachtveitl, lauter bekannte Namen). Die alte Fassung ist viel gehetzter, unstimmiger, neben den großen Sprechern ist da auch Ungelenkes zu hören und doch überzeugt sie mehr. Einfach weil das Ungelenke Eich angemessener ist. Traum hin oder her, einiges ist arg konstruiert, mancher Dialog holpert. Buschleute, die das Gedächtnis wegtrommeln? Termiten, die einen von innen auffressen? Man kann so etwas wie Beckett-Stücke inszenieren, aber das ist fast zu viel des Guten. Eichs Träume sind genauso mit Body Snatchers verwandt, und ursprünglich hat ebendiese Mischung aus BMovie und großem Sinnbild so verstört. Umso unheimlicher, wenn es auch so klingt.

Als Epilog hat Hans Schüttler die Hörerstimmen von 1951 gesampelt, »schweinemäßig ist das / ein Skandal / schweinemäßig / ist ja nicht zu glauben, was Sie dem Publikum bieten / schweinemäßig ist das«. Nicht der schlechteste Weg, diesem wichtigen Stück nachzuträumen.

Günter Eich: Träume
Zwei Versionen von 1951/2006 - Der Hörverlag - 3 CDs, 152 Min., 24,95
Die Zeit, 15.2.07

 

 

 

Konzert mit Staubsauger im Thalia Theater        Hamburg

 

 

 

 

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste
benennt zum Hörspiel des Monats September 2009:

„Leben und Schicksal“


Hörspiel in vier Teilen nach dem gleichnamigen Roman von Wassili Grossman

Regie:  Norbert Schaeffer
Hörspielbearbeitung: Helmut Peschina
Übersetzung aus dem Russis chen: Madeleine von Ballestrem, Arkadi Dorfmann, Elisabeth Markstein, Annelore Nitschke

Komposition: Hans Schüttler

Länge: 87’00“ (I), 80’58“ (II), 81’59“ (III), 83’02“ (IV)
Ursendung: 30.09.2009 (I) / 07.10.2009 (II) / 14.10.2009 (III), 21.10.2009 (IV) auf NDR Kultur
Produktion: NDR 2009

Die Begründung der Jury:
„Das Leben verdorrt, wenn man versucht, seine Besonderheit auszulöschen.“ Um diese so einfache wie tief greifende Wahrheit dreht und wendet sich Wassili Grossmans monumentaler Roman „Leben und Schicksal“, den der NDR (Regie: Norbert Schaeffer) aufwändig und durchweg gelungen als Hörspiel inszeniert hat. „Leben und Schicksal“ stellt die totalitären Systeme Drittes Reich und Stalinismus, ihre jeweiligen Unterdrückungsmechanismen, Verfolgungs- und Zerstörungsapparate einander gegenüber. Doch nicht nur das: Grossmanns epochales Werk ist eines der berühmtesten der sowjetischen Literatur, das deutsche Konzentrationslager und russischen GULAG, Stalingrad, Moskau und Berlin nahezu ineinander schneidet und so zeigt, dass die Rolle der Opfer auf beiden Seiten unterschiedslos ist. So wird eine neue Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg, die Judenverfolgung und den Vernichtungsapparat der Nationalsozialisten geworfen – eine eben originär russische Perspektive, die im Westen noch immer nicht bekannt genug ist. Der Roman und seine kongeniale Hörspielbearbeitung werfen ein umfassendes sozial-historisches Panorama auf, überzeugen durch Perspektivreichtum, starke Bilder und ebensolche Protagonisten. Formen der Denunziation und des Verrats werden auf beiden Seiten durchgespielt, Prozesse der Zerrüttung und Entmenschlichung geschildert und zugleich die Mühe um Normalitätsbehauptung abgebildet, mit dem Rücken zur Wand. Jeder kann zum Überläufer werden, die Grenzen zwischen den beiden totalitären Systemen sind durchlässig und verschieben sich unberechenbar, aber stetig. Kurz: „Leben und Schicksal“ ist ein Stück Prosa, wie man es noch nicht gehört hat.
 

Hans Schuettler - Klavier und Reinhard Lippert - Bratsche, im NDR Studio bei der Musikproduktion von dem Hörspiel Leben und Schicksal.

 

 

Piano Performance

Ein kleiner, harmloser Zettel weist den Weg zum Konzert. Drauf steht in schräger Handschrift PIANO PERFORMANCE geschrieben. Dann der rundgebaute Konzertsaal mit seiner weißen Kuppel. Einer Arena gleich. Alles still. Nur der Mann am Eingang kassiert scheppernd Eintritt. Kein Wort. Irgendwas liegt in der Luft...
Elektrizität. Fast jeder wittert es wie drohende Gefahr. Wie eine schwere Gewitterwolke, die sich in träger Schwüle entladen will.

Die Konzertbesucher, die schon Platz genommen haben, sind damit beschäftigt (jeder für sich) die disparaten Gegenstände zu definieren, die um den edlen Flügel herum platziert sind.: Plastikgeschirr, ein Schifferklavier, Flaschen, Schallplatten, und manches mehr. ( Der Geist von George Maciunas steht plötzlich im Raum "place a dog or cat or both inside the piano and play chopin".)
Der strohblonde Mann vom Einlass stapft vors Publikum, akustisch umrahmt vom Münzgeld, das in der Kasse unter seinem Arm laut klimpert. "Gleich geht's los", sagt er, die Augen erstaunt aufgerissen, als harre er selbst der Dinge, die da kommen.

Er verschwindet hinter die Bühne, wo er einige Konzentrationsübungen praktiziert und sich dann in den Musiker Hans Schüttler verwandelt (der außerdem Klavierdozent an der Gesamthochschule Kassel ist und Kurse für zeitgenössische Musik in Hamburg, Rostock und Halle erteilt).

Ein erfrischender Platzregen, ein Orkan, Donner und Blitz brechen jetzt über das Publikum herein.
Klassische Musik, virtuos auf dem Klavier vorgetragen (Schüttler hat bei dem russischen Konzertpianisten Nikolei Posnjakow klassisches Klavier und in Hamburg bei Prof. Dieter Glawischnig Jazztheorie studiert. Seine Abschlussarbeit verfasste er über die Sinfonie 21 von Anton Webern).

Zarte Takte von Haydn, Chopin, Liszt klingen, jäh unterbrochen von wild ausufernden Stakkato Improvisationen. Dann ein Sprung in der Platte. Ein Sprung in der Platte? Es knackt auf jedenfall.

Immer wieder die gleiche Musikstelle, bis die Nadel endlich über die Hürde hinweggeschrabbt ist. (Variation: Es kann aber genauso passieren, dass ein Wecker klingelt.)
Schon nach kurzer Zeit hat sich Schüttler, der in der Musik wühlt, um dann opulent um sich zu werfen, in Ekstase gespielt. Es trieft der Schweiß. (Aha, dafür also das Handtuch neben dem Klavierschemel.)

Wie nach einer künstlichen Beatmung hat der Musiker (Jahrgang 1962, einer seiner geistigen Väter ist John Cage) dem Piano Leben eingehaucht. Es vibriert...
Elektronische Präparationen schließen sich nahtlos an Tschaikowsky Oktaven an. Präparationen, das können auch mit Gläser manipulierte Klaviersaiten sein. (Die Gläser können aber genauso gut an die Wand knallen und dort zerscheppern.) Oder Papiergeraschel. Der Resonanzboden des Instruments wird leise und sensibel mit den Händen bearbeitet. (Inzwischen hat Schüttler eine Position unter dem Flügel eingenommen und trommelt mit den Fäusten auf den Pedalen.) Ein Intermezzo auf dem Schifferklavier. Dann wieder einer der unzähligen Brüche, die auch innerhalb der Stücke die Musik prägen. Diesmal wird gegen einen elektronischen Sampler angespielt.

Wie Flügel heben und senken sich die Schultern des Pianisten. (in Kinos, Museen und Kirchen von Hamburg, Lübeck und Wismar hat Schüttler Murnaus Stummfilmklassiker "Nosferatu" vertont). Ein Duett mit einem Schallplattenspieler (hier einmal unmittelbares Musikinstrument und nicht Mittel zum Zweck), die Platte vorher mit Schmirgelpapier bearbeitet.

Die Assoziationen, die Erinnerungen und Deja vus rasen durch die Köpfe des Publikums. Eine endlose Kette. Ein Sog von großer Geschwindigkeit. Viel musikalisches Material, ja Materialüberfluss, sparsam komprimiert und konstruiert. Um die Fülle zu bannen braucht es die Bruchstellen. "Wie im Leben, das ja auch voller Brüche steckt", sagt Hans Schüttler und verbeugt sich, abgekämpft und schweißtriefend wie ein siegreicher Zehnkämpfer. Es folgt Applaus, der nicht enden will.

Christina Hein 2002 ZDF

 

 

Hans Schuettler live mit Spielzeugmikrophon und Electronics in der   Sal Bar in Seoul

 

 


 

 

 

 

 

Eine tiefgründige Musik Narretei


Hans Schüttlers Resonanzen
Das KlangArt Faltblatt ließ zunächst eine altbackene Piano Performance in Free Jazz Manier vermuten. Doch was Hans Schüttler zu mitternächtlicher Stunde seinen Zuschauern in der Lagerhalle präsentierte, entpuppte sich als höchst vergnügliches, 60minütiges Musikkabaret, das fast ganz ohne Worte, dafür aber mit um so skurrileren Requisiten den Musikbetrieb dies und jenseits E und U musikalischer Schranken aufs Korn nahm.

So mündet eine wilde, bemüht moderne Klavierimprovisation unversehens in einem "Puff Klick" Rhythmus aus Schüttlers betagtem Drum Computer, Klänge einer lausig vor sich hin plärrenden Bontempi Orgel mischen sich mit den eiernden Loops eines alten Schlager Vinyls. Live "gescratched" auf zwei antiquarischen Koffergeräten.

Doch auch Brahms geht es an den Kragen: Unbarmherzig rumpelt der alte Meister viel zu langsam und dann auch noch in ständig schwankendem Tempo über den Plattenteller, begleitet von eruptiven, Ausbruchen am Flügel.

Begriffe wie "DJ" oder "Remix" erhalten an diesem Abend eine nahezu groteske Bedeutung.

Doch nicht nur derart Zeitgeistiges, auch "Alltagsgegenstände" sind kaum vor Schüttlers tiefgründiger Narretei sicher. Ein Spielzeugstaubsauger wird da ebenso zum liebevoll mit Mikrophon verstärkten und auf silbernem Tablett, das ist wörtlich zu verstehen als servierten Kultgegenstand.

Hans Schüttler ist ein kauziger Komödiant, ein moderner Musik Clown, dessen wunderbar unorthodoxe Mischung zwischen Comedy, Chaos und Anspruch deshalb so intelligent amüsiert, weil sie längst akzeptierte Absurditäten in unserem Musikverständnis aufdeckt, weil sie Querverbindungen zeigt und freilegt, die im oft schablonierten Kulturbetrieb sonst niemandem auffallen würden.

Osnabrücker Zeitung vom 7.6.´97 (Klangart ´97)
Von Kai Schwirzke

 

 

Konzert für Klavier, CD Ständer, Staubsauger, Electronics und Papier im Thaliatheater in Hamburg

 

Delmenhorster Kurier vom 6.9.99

Gestörte Töne von irgendwo

Zuhörer erlebten spannendes Konzert im Turbinenhaus
Von unserer Mitarbeiterin Heide Rethschulte
Delmenhorst. Wunderschöner gregorianischer Gesang klingt von irgendwoher aus dem hohen Raum. Draußen scheint irgend jemand an irgendetwas zu klopfen. Das Klopfen hört nicht auf, im Gegenteil, es kommt näher. Auf einmal wird klar:

Der vermeintliche Gesangsstörer ist im Raum. Er wird immer lauter und schließlich auch sichtbar. Der Zuschauer ist "inside". So lautet der Titel des interaktiven Licht-Klang-Raum-Theaters, das Hans und Gaby Schüttler aus Stade und Reinhard Lippert aus Schwerin am Sonnabend im Turbinenhaus des Fabrikmuseums im Rahmen von "Kultur rund um die Uhr’ zeigten.

Jeder Raum stelle eine neue Herausforderung dar, erklärte Hans Schüttler, der für "Inside" ein Arbeitsstipendium des Landes Niedersachsen bekommen hat. Das Turbinenhaus hat er sich vor dem Konzert zweimal angesehen und war so auf die Herausforderung vorbereitet.
Er und seine beiden Mitstreiter halten sich zwar an ein Konzept. Das bietet ihnen aber einen großen Interpretationsrahmen.

Wie ein roter Faden zieht sich der gregorianische Gesang durch das Programm...

Doch schon im Mittelalter waren die Künste nicht voneinander getrennt und der Raum Bestandteil der Aufführungen. Auch in "Inside" werden die Grenzen aufgehoben.

Ein ungeheurer Spannungsbogen zog sich vom ersten gregorianischen Gesang bis zur absoluten Schluss-Stille, ehe der Applaus des Auditoriums begann. Die Augen und vor allem die Ohren wurden während der gesamten Aufführung mit immer neuen Überraschungen auf Spannung gehalten.

Da wurde gezeigt, welche Klangmöglichkeiten das Turbinenhaus abgesehen von der bestechenden Akustik mit seinen Kesseln, Ketten, Ventilrädern, Rohren und Werkzeugen zu bieten hat.
Da agierten die drei Musiker scheinbar jeder für sich und waren doch aufs Genaueste aufeinander abgestimmt. Da waren die Bewegungen so sparsam, dass sich alles auf die Klänge konzentrierte.

Am Ende stand das Staunen darüber, was klanglich aus dem Turbinenhaus herauszuholen ist.

 

Open Air in Seoul

 

 

 

 

 

 

 

RHEINISCHE POST Samstag, 31. Januar 2004 - Nr. 26

FEUILLETON FÜR DAS KLEVER LAND

Ungewöhnliches Konzert in der Kirche der Rheinischen Kliniken mit Hans Schüttler:

„Geräuschregister" erweiterten Orgel

BEDBURG-HAU. Bald nach Eröffnung der Rheinischen Kliniken am 3. Juni 1912 erhielt die Simultankirche aus der Werkstätte Klais (Bonn) eine Orgel mit 19 Registern auf zwei Manualen und Pedal. Das pneumatische Instrument blieb beim Frontübergang 1945 voll intakt. Von Bomben und Granaten verschont konnte es dank werkeigener Stromgeneratoren anders als seine Genossen in weitem Umkreis ohne Unterbrechung seinen Dienst ausüben. Bei der Restaurierung 1981 (Seifert /Kevelaer) wurde der alte Pfeifenbestand (1243 Stück) weithin ins jetzt elektrifizierte Kegelladensystem übernommen.

Nun konnte für die Chronik dieser Orgel eine weitere bemerkenswerte Seite geschrieben werden.

Zu Gast (nicht nur) am Spieltisch war Hans Schüttler (*1962), freischaffender Komponist und Musiker in Stade. Zahlreiche vom Goethe-Institut, vom Deutschen Musikrat und der BRD-Kulturstiftung unterstützte Konzerttourneen führten ihn bislang durch Europa und über Russland bis nach Tuwa sowie Korea.

Ein Kompositionsstipendium im Künstlerhaus ArToll regte ihn zu einem neuen Werk an, dessen vier Sätze er abschließend in der Klinikkirche einem kleinen neugierigen Publikum Vorstellte.
„Ich habe nichts von Hause mitgebracht und beziehe Geräusche von Alltagsdingen in die Arbeit ein!"

So bekam die Orgel, der sonst gelegentlich ein Blas- oder Streichinstrument als Solopartner zur Seite steht, eine recht ungewöhnliche Gesellschaft. Auf der Empore stand ein auf den Kopf gestelltes Fahrrad.

An den Speichen waren mit Wäscheklammern Plastikstreifen angebracht, die beim Kurbeln des Pedals knatterten und an radelnde Kinder erinnerten, die an der Schutzblechstange ihres Vorderrades einen geknickten Pappdeckel mit einer Schnur am Lenkrad verbinden und dann lossausen mit einem Lärm, den heute frisierte Mofas von sich geben.

Dieses Register erweiterte für die Konzertdauer die Disposition der Orgel. Es war nicht das einzige. Da blendeten im Präludium Klangschalen gongartige Töne ein.

In „Verschoben-konkret" verließ der Interpret den Spieltisch und schob ein Geräuschregister, bestehend aus dünnen, auf einem Kartonbogen befestigten Plastikbechern, über die Stange der Brüstung, ließ sie dort quietschen oder beim Streifen der senkrechten Holzleisten der Empore rattern. Die Orgel, für Schüttler das älteste Modul, meldete sich im Eingangssatz mit langen Tönen, ganz tief oder sphärisch hoch, und mit dissonanten Intervallen, Punktklängen, Clustern wie Klangflächen oder auch kleinen melodischen Motiven.

In „Verschoben-JSB" waren Anleihen aus Bach-Präludien (Wohltemperiertes Klavier I) eingebaut. Die Coda hielt sogar infernalische Züge bereit. Selbst ein gestandener Organist konnte hier noch Anregungen für bislang nicht geahnte Möglichkeiten seines Instruments finden.

 

Hans Schuettler Live im Kampnagel Club in Hamburg

 

Einsatz für Spaghetti, Eröffnung der documenta X mit Frank Zappa Projekt

KASSEL • Darf Musik witzig sein? Daß die programmatische Frage, die Frank Zappa einmal auf einem Plattencover stellte, von „Behind The Mirror" eindeutig mit „ja!" beantwortet werden würde, war schon bei einem Blick auf den Konzertboden klar. Was dort alles zum Musizieren angesammelt war, sprengte den Rahmen des Üblichen: Luftballons, etliche Wasserflaschen, Joghurtbecher und Bierfässer harrten darauf, ihr Geräuschpotential zu entfalten. Dazu Pappkartons, Plattenspieler, Spieluhr und die Kindertrompete aus Plastik. Alles kam zum Einsatz.

„Behind The Mirror", bestehend aus dem Hamburger Pianisten Hans Schüttler, dem Kasseler Schlagzeuger Steffen Moddrow und dem Stuttgarter Gitarristen Georg Stock, hatten den Ex-„Mothers of Invention"-Schlagzeuger und Sänger Jimmy Carl Black zu zwei Gastspielen ins Tif geholt und das Humorpotential der alten Zappa-Band wieder aufleben lassen. Wer jedoch einen gemütlichen Revival-Abend erwartet hatte, wurde überrascht. Die musikalischen Prinzipien des Abends hießen Collage und Demontage.

So waren Schüttlers zunächst zartes Solo-Duett für Kinder-Laserpistole (linke Hand) und Klavier (rechte Hand), das sich zu einer rasenden Tastenorgie ausweitete, Moddrows umwerfend komisches Schlagzeugsolo mit langen italienischen Hartweizenspaghetti, und das süßliche Gesangsduett von Black und Stock über „Love Of My Life" nur einige Glanzpunkte dieser zwischen ekstatischer Performance, Neuer Musik, Blues und alten Zappa-Songs angelegten Show.

Der zur zehnten documenta oft beschworene „Blick zurück nach vorn" fand jedenfalls im Konzert von „Behind The Mirror" seine geniale musikalische Entsprechung.

Andreas Gebhardt
Hessische Allgemeine Zeitung vom 23.6.97
 

Jimmy Carl Black und Hans Schüttler gemeinsam mit der Gruppe Behind The Mirror auf der documenta X

 

Stader Tageblatt vom 8.6.98

Klang-Collagen und Multimedia
„Inside"-Ensemble sprengte alle Kategorien

Von Matthias Streitz

Hüll. Seine besten Ideen für Klangeffekte, sagt Hans Schüttler, kommen ihm im Zug, im Badezimmer oder in der Krabbelgruppe der Tochter. Die „Instrumente für seine Kompositionen kauft er vorzugsweise im Spielwarenladen oder auf dem Trödelmarkt.: Ein bunter Plastikroboter mit quietschender Laserkanone ist darunter, auch ein halbdefekter Plattenspieler, ein Diktiergerät und eine Kirnderorgel kommen zum Einsatz. Dennoch wird Schuettler nicht müde zu betonen: „Eigentlich bin ich ja klassischer Pianist.“

Ein unerwarteter Widerspruch? Natürlich, denn wenn für Schüttlers Klang-Collagen überhaupt ein Gestaltungsprinzip verbindlich gilt, dann ist es dieses: Jegliche Erwartungshaltung zu unterlaufen, hartnäckig zu irritieren, Kategorien zu sprengen, Altbekanntes zu zitieren und so neu zusammenzufügen, daß das Unerwartete Klang annimmt.

So entstehen komplexe Performances aus Ton, Bild und Aktion, konsequente Dissonanzen, geschult an der Zufallsmusik John Cages und dem Übermut Frank Zappas.
Als der Stader Musiker und Komponist Schüttler am Sonnabend mit seinem fünfköpfigen Ensemble „Inside“ im Kunstraum Hüll gastierte, begann das „interaktive Licht-Klang-Raum-Theater“ denn auch mit dem Brummen eines Staubsaugers. Schüttlers Frau Gaby singt dazu Fragmente italienischer Arien, repetitiv und immer wieder ansetzend. Vermeintliche „E-Musik“ und gewöhnlicher „Lärm“ werden so direkt kontrastiert, dass beide Kategorien ihre Bedeutung verlieren.

Später rezitiert Gaby Schüttler im Dialog mit Reinhard Lipperts dissonanter Bratsche ein Postleitzahlenbuch; Heinz Erich Gödecke verwandelt die Oberflächenspannung von Farnpflanzen in Laute, die klingen wie ein pfeifendes Mittelwellenradio. Schließlich endet die Aufführung mit einem chaotischen, eindringlichen Crescendo: Zum Dröhnen einer Mischmaschine gesellen sich Improvisationen auf der Posau¬ne; auf einer Overhead-Folie zeichnet Ulf Rickmann Gesichter, nur um sie dann schwarz zu übermalen.

 

 

Was Joseph Beuys mit seinen Fettecken und Rauminstallationen für die Objektkunst gelang, versuchen Schüttler und seine Mitstreiter im Bereich der Musik: Sie betten das Banale in einen künstlerischen Kontext und offenbaren damit die ästhetischen Qualitäten des Alltags.

 

 

Das Projekt „Inside" kann als Schüttlers bisher radikalstes Experiment gelten: Seine bisherigen Aufführungen - etwa die Hommage an Frank Zappa, mit der er die „documenta X" eröffnete - verließen sich darauf, Klänge absurd zu kontrastieren. Nun bezieht Schüttler Raum und Bild mit ein; er versucht den Brückenschlag zwischen Konzert und multimedialer Rauminstalllation. In Hüll thronte im Rücken des Ensembles beispielsweise ein riesiger Erdhügel, mit Spiegeln verziert. Diese Installationselemente variieren je nach Aufführungsort. Natürlich - denn das Unvorhersehbare soll unvorhersehbar bleiben.