Ungewöhnliches Konzert in der Kirche der Rheinischen Kliniken mit Hans Schüttler:
„Geräuschregister" erweiterten Orgel 2004
BEDBURG-HAU. ...
Nun konnte für die Chronik dieser Orgel eine weitere bemerkenswerte Seite geschrieben werden.
Zu Gast (nicht nur) am Spieltisch war Hans Schüttler (*1962), freischaffender Komponist und Musiker in Stade. Zahlreiche vom Goethe-Institut, vom Deutschen Musikrat und der BRD-Kulturstiftung unterstützte Konzerttourneen führten ihn bislang durch Europa und über Russland bis nach Tuwa sowie Korea.
Ein Kompositionsstipendium im Künstlerhaus ArToll regte ihn zu einem neuen Werk an, dessen vier Sätze er abschließend in der Klinikkirche einem kleinen neugierigen Publikum Vorstellte.
„Ich habe nichts von Hause mitgebracht und beziehe Geräusche von Alltagsdingen in die Arbeit ein!"
So bekam die Orgel, der sonst gelegentlich ein Blas- oder Streichinstrument als Solopartner zur Seite steht, eine recht ungewöhnliche Gesellschaft. Auf der Empore stand ein auf den Kopf gestelltes Fahrrad.
An den Speichen waren mit Wäscheklammern Plastikstreifen angebracht, die beim Kurbeln des Pedals knatterten und an radelnde Kinder erinnerten, die an der Schutzblechstange ihres Vorderrades einen geknickten Pappdeckel mit einer Schnur am Lenkrad verbinden und dann lossausen mit einem Lärm, den heute frisierte Mofas von sich geben.
Dieses Register erweiterte für die Konzertdauer die Disposition der Orgel. Es war nicht das einzige. Da blendeten im Präludium Klangschalen gongartige Töne ein.
In „Verschoben-konkret" verließ der Interpret den Spieltisch und schob ein Geräuschregister, bestehend aus dünnen, auf einem Kartonbogen befestigten Plastikbechern, über die Stange der Brüstung, ließ sie dort quietschen oder beim Streifen der senkrechten Holzleisten der Empore rattern.
Die Orgel, für Schüttler das älteste Modul, meldete sich im Eingangssatz mit langen Tönen, ganz tief oder sphärisch hoch, und mit dissonanten Intervallen, Punktklängen, Clustern wie Klangflächen oder auch kleinen melodischen Motiven.
In „Verschoben-JSB" waren Anleihen aus Bach-Präludien (Wohltemperiertes Klavier I) eingebaut.
Die Coda hielt sogar infernalische Züge bereit. Selbst ein gestandener Organist konnte hier noch Anregungen für bislang nicht geahnte Möglichkeiten seines Instruments finden.